Gedanken zum Karfreitag
Gedanken von Dekanin Monika Lehmann-Etzelmüller
Karfreitag ist der Tag von Gottes Leid.
Karfreitag ist der Tag von Gottes Tod.
Karfreitag ist Klagezeit.
Jedes Jahr an Karfreitag schauen wir auf das Kreuz Christi. Es zeigt, wie sehr Gott sich dem Leiden aussetzt. So ganz und gar hat Jesus sich dem Leiden und dem Tod preisgegeben.
Karfreitag ist der Tag von Gottes Leid.
Karfreitag ist Klagezeit.
Karfreitag ist auch der Tag von Menschenleid.
Klagezeit, so heißt eine Initiative der Kirchen in Leipzig. Jeden Freitag kommen Menschen in einer der Innenstadtgemeinden zusammen. In einem Gottesdienst, bei dem man sich von zu Hause zu schalten kann, stellen sie das Leid von drei Menschen in den Mittelpunkt. Bis heute, bis Karfreitag, ist diese Klagezeit.
So viele Menschen leiden in dieser Zeit, sagen die Gemeinden. Wir möchten sie sichtbar machen. Ihre Klage soll ausgesprochen werden, vor Gott und vor den Menschen.
Ich bin einsam, sagt einer. Seit über einem Jahr hat kein Mensch mich berührt, außer der Physiotherapeut, der mein Knie behandelt.
Gott, ich sehne mich nach einer Hand auf meiner Schulter.
Ich werde nicht damit fertig, sagt ein anderer, dass mein Vater ganz allein im Krankenhaus gestorben ist. Dass ich nicht zu ihm konnte, nicht da sein konnte, seine Hand nicht halten konnte.
Gott, wo finde ich Trost?
Mein Kosmetikstudio ist am Ende, sagt eine Frau. Nur die Schulden bleiben.
Gott, was wird jetzt aus mir?
Zwei junge Frauen erzählen: Wir haben unsere Prüfung bestanden. Ich würde jetzt so gern meine Sweet-Sixteen-Party feiern. Neue Leute kennenlernen. Und andere besser. Ich würde mich gern verlieben. Aber ich bin immer nur zu Hause. Da gibt es oft Streit.
Gott, ich will doch nur leben.
Karfreitag ist Klagezeit.
Am Kreuz sagt Jesus einige wenige Sätze. Es sind Klagesätze, Klagelaute: sie wissen nicht, was sie tun – Ich habe Durst – Mein, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – und am Ende ein Schrei: es ist vollbracht. Es ist vorbei.
Im Schatten des Kreuzes spielt sich eine Szene ab, die aus dem Rahmen von Gewalt, Gottesferne und Grausamkeit herausfällt. Jesus wendet sich an Johannes, seinen Jünger. Er wendet sich an Maria, seine Mutter. Er sagt zu Maria: Siehe, das ist dein Sohn. Und zu Johannes: Siehe, das ist deine Mutter.
An diesem kurzen Wortwechsel bleibe ich hängen. Im Schatten des Kreuzes spielt sich eine Szene voller Menschlichkeit ab. Sie erzählt von Fürsorge und von Menschen, die sich einander annehmen. Inmitten der Not, inmitten der Dunkelheit eines Tages blüht die Menschlichkeit auf. Weil da Fürsorge geschieht und Menschen sich einander annehmen. Manchmal erleben wir das und halten inne, weil Dunkelheit und Rache und Gewalt dann verstummen. Weil nicht alles in Resignation und Trauer endet, sondern das Leben sich sein Recht zurückerobert. Das geschieht da unter dem Kreuz. Siehe, dein Sohn. Siehe, deine Mutter. Die Liebe ist noch da. Jesus schickt die Menschen, die um ihn trauern, in die liebevolle Beziehung, in den fürsorglichen Kontakt, in den Mut, füreinander da zu sein.
Es gibt Menschen, die diese Menschlichkeit leben, auch und inmitten der dunklen Zeit der Karfreitage, im Schatten der Kreuze. Bei der Mitmenschlichkeit geht es aber nicht nur um die großen Taten. Was Jesus in seinen wenigen Worten anspricht, ist die Hilfe des Alltags, des gemeinsamen Lebens, des aufeinander achtens und darin nicht müde werden. Es ist das, was wir gerade brauchen.
Im Schatten des Kreuzes weist Jesus uns aneinander, dass wir einander sehen, als Menschen, die Trost und Hilfe, Wärme und Freundschaft brauchen. Siehe, dein Sohn. Siehe, deine Mutter. Siehe, dein Bruder. Siehe, deine Schwester.
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