Gedanken zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt

- 26.09.2019 - 

Monika Lehmann-Etzelmüller

Er war ein Zielfinder und ein Zielsetzer. Er hat sich darauf verstanden, die Wegmarken zu lesen. In diesen Tagen ist ganz oft von ihm die Rede, weil er einen runden Geburtstag hat. Der Geburtstag von Alexander von Humboldt jährt sich zum 250. Mal.

Alexander von Humboldt hat sich Ziele gesetzt, Ziele gefunden und auch Ziele entdeckt, von denen er vorher gar nichts wusste. Das hat er mit Christoph Kolumbus gemein. Da enden dann aber auch die Gemeinsamkeiten, denn Alexander von Humboldt war ein ganz anderer Weltentdecker als die, die mit Christoph Kolumbus kamen. Sie waren Welteroberer, die Kulturen zerstört haben. Ihr Ziel war, maximalen Gewinn rauszuholen. Die Haltung war der Glaube an die eigene Überlegenheit.  Alexander von Humboldt war ein Weltentdecker. Er wird uns heute zum Vorbild, weil es die in unserer Geschichte, die so viel ungute Welteroberer kennt, so wenig gibt. Ein Stein ist ein Stein, sagte er. Und ein Mensch ist ein Mensch. Er bleibt immer ein Mensch, in welchen Zusammenhängen und in welcher Fremdheit auch immer; ein Mensch bleibt er, der Mitmenschlichkeit und Respekt verdient. Dabei war Humboldt kein Heiliger. Er konnte andere Kulturen erforschen und bei ihren Menschen zu Gast sein, dann aber doch heilige Kultgegenstände klauen. Zum Forschen.

Wie konnte Humboldt, ein Mann aus der preußischen Provinz, zu einem Weltentdecker werden?

Humboldt konnte offenbar gut hören. Zu hören und Hin hören. Noch heute bewahren das die Menschen in Südamerika in ihrem Gedächtnis und achten ihn dafür. Er war einer, der nicht gleich sagte, wie es gehen soll, sondern erst einmal hingehört hat, heißt es dort.

Er konnte nicht nur gut hören, er konnte auch gut und genau hinsehen. Das zeichnet ihn wohl ganz besonders aus. Dinge zogen ihn magisch an. Zu sehen, was vor ihm kaum ein Europäer gesehen hat, war seine Motivation für strapaziöse Expeditionen, obwohl er oft kränkelte. Er schlug sich mit Mücken herum und überlebte Krokodilangriffe. Einen wirklichen Plan hatte er nie, dafür ein großes tropensehnsüchtiges und leidenschaftliches Herz. Seine Wege wurden vom Zufall und spontanen Entscheidungen geebnet, aber auch so kommt man offenbar zum Ziel. Er war einer der ersten, der Pflanzen nicht als einzelne Arten ansah, sondern in ihren systemischen Wechselwirkungen mit anderen Arten und Artgenossen, der Peter Wohlleben seiner Zeit. Gott stelle ich mir vor, Gott sah ihm interessiert zu, wie er die Schöpfung neu erfand, ausmaß und katalogisierte.

Bei Menschsein kommt es sehr darauf an, zu hören und zu sehen. Wir ahnen, dass es ein lebenslanges Üben ist, auch das zu hören, was sich zwischen den Worten verbirgt, in den leuchtenden Zwischenräumen zwischen Lauten, Buchstaben und Aussagen. Es ist lebenslanges Üben, auf das zu hören, was nicht gesagt wird oder nicht ausgesprochen werden kann, aber dennoch mittextet. Auf das Notwendige, auf das, was ein Mensch braucht, was sich hinter und zwischen den Worten verbirgt, auch hinter dem Zorn, der Entrüstung, der Müdigkeit oder dem Vorwurf. Aber wenn es gelingt, ist es eine Möglichkeit, miteinander weiter zu kommen. Es ist ständiges Üben, genau hin zu sehen. Heute und morgen wieder ganz neu hinsehen auf Menschen, die weg bleiben in unserer Kirche, auf Jugendliche, die  Zorn und Angst auf die Straße treiben, auf Regen, der nicht mehr kommt. Wer genau hinhört, wer genau hinsieht, kann die Spuren Gottes erkennen, noch immer. Die Wolkensäule sehen am Tag und die Feuersäule in der Nacht. Sie mag nur schwach leuchten, aber sie ist da noch immer und immer neu. Sie weist den Weg, auch uns.

Datei zum Downloaden