Ich bin im Schwarzwald groß geworden. Meine Kindheit riecht nach Schnee. Als Kinder hatten wir viele verschiedene Worte für den Schnee, der wochenlang vom Himmel fiel, immer neu, in wirbelnden Flocken. Schlittenschnee. Pappschnee. Neuschnee. Frostschnee, wenn über Nacht die oberste Schicht angefroren war. Eisschnee, der war gefürchtet. Nassschnee, den mochten wir nicht. Am liebsten war uns natürlich der Weihnachtsschnee. Der fiel an Heiligabend in dicken Flocken runter und sammelte sich auf den Schultern der Posaunisten, die vorm Bäcker in unserer Straße in der Dämmerung von Heiligabend Choräle anstimmten. Wenn an Weihnachten kein Schnee fiel, hat er sehr gefehlt.
Der Schnee sammelte sich an der Straße, in hohen Wänden, über die kein Kind mehr schauen konnte. Das ist noch gar nichts, sagte mein Gottle*. Als ich Kind war, - das war Schnee. Hoch wie ein Haus bis unter das Dach. Mein Gottle und mein Patenonkel sind auf Höfen großgeworden. Manchmal haben sie davon erzählt. Im Winter waren sie oft eingeschneit, manchmal wochenlang. Dann wurde die Welt ganz still. Die Menschen blieben drin, die Tiere im Stall. Nur manchmal ging es mit den Pferden in den Wald, zum Holz machen. Zu den Menschen auf den Nachbarhof oder in die Stadt ging es ganz selten. Jeder Weg war beschwerlich und musste gut überlegt sein. Im Winter wurde die Welt sehr klein. Es wurden Holzarbeiten gefertigt, die wenigen Bücher wurden immer wieder gelesen, aber die Tage und Abende werden lang und still gewesen sein.
Manchmal denke ich jetzt daran, was mein Gottle mir über die langen Schneewinter auf den Höfen erzählt hat. Wie haben sie diese langen Winter nur überstanden, frage ich mich.
Wie eingeschneit kommt mir diese Adventszeit vor. Schon wieder, immer noch setzen Schutzmaßnahmen und Regelungen Grenzen. Aber ich bin auch dankbar, dass es uns dabei aber doch ganz anders geht als meinem Gottle. Ich bleibe verbunden mit anderen Menschen und mit der ganzen Welt.
Ich stelle mir vor, was es für die eingeschneiten Hofgemeinschaften bedeutet hat, als die Radios einzogen. Plötzlich ging da eine Tür auf, riesig wie das Tor zur Scheune. Fremde Stimmen, neue Geschichten, Musik und Neuigkeiten aus aller Welt. Worte von außen, die es heller machen und gut tun.
Wenn ich eingeschneit bin in meinen Sorgen und meinem Kummer, dann kann ich mir das gute Wort nicht selbst sagen. Es kommt von außen, es kann eine Liedzeile nutzen oder ein Gedanke aus einer Geschichte sein. Es kann ein liebevolles Wort sein, das ein anderer zu mir sagt. Solche Worte sind auch die Worte der Bibel. Sie kommen von außen, sie richten auf und tun gut, sie trösten und heilen, sie machen Mut und geben Zuversicht.
Wäre das nicht ein Plan für diese Adventszeit 2021? Noch einmal richtig zusammenhalten wie Pappschnee. Es geht noch. Einander gute Worte sagen. Das Gute ausrichten. So wie dieses, ein Adventswort: Mache dich auf und werde licht, denn Dein Licht kommt.
*Für Nichtschwarzwälder*innen: Die Gottle ist die Good ist die Patentante